Natur - Mythen und Risse

Einführung zur Ausstellung am 5. September 1999 im Rathaus Ammersbek

Werkübersicht über 10 Jahre

Von Katrin Zschirnt

Eine Ausstellung, die als Werkschau  konzipiert ist, stellt nicht nur Werke dar, sondern vor allem Lebens-Zeit. Eine Werkschau ist immer eine Art Speicher. Empfindungen sind hier gespeichert, die zu Bildaussagen werden. Wissen ist hier gespeichert, das als persönliche Philosophie und Haltung gegenwärtig ist. Erfahrungen sind hier gespeichert, die aus stillen Beobachtungen hervorgegangen sind.

Natur – Mythen und Risse stehen bei Christine Belling stellvertretend für Empfindung – Wissen und Erfahrung, aus deren Grundstimmung ihre Arbeiten hervorgehen. Natur – Mythen und Risse lautet auch der Titel der Ausstellung, die ich heute mit Ihnen gemeinsam betrachten möchte.

Christine Belling bringt unterschiedliche  Medien und Materialien zusammen. Die Fotografie existiert neben der Naturbeobachtung und Skizze. Die Zeichnung neben dem malerischen Akt. Das Wort, der Kommentar und das Zitat existieren neben der Objekterfindung und Installation, Texte und Objekte werden immer wieder zusammengeführt, mal didaktisch- fordernd, mal poetisch- besonnen. Aber, bei aller Komplexität und Vielfalt der Materialien, Formate und Strukturen, bleibt ein Thema durchgängig, präsent und gegenwärtig: NATUR.

Natur ist bei Christine Belling kein abstraktes Thema, kein äußeres Ereignis oder Geschehen, sondern innere Einstellung, Lebensprinzip und künstlerisches Bekenntnis. Natur ist Grundlage, Basis, Erde. Das Verborgene  und Sichtbare zugleich. Das, was alles im inneren zusammenhält. Kraft gibt, Hoffnung schafft. Natur ist bei Christine Belling auch Natur-Schutz, etwas, das mit Wahrnehmung, Bewusstheit und Behutsamkeit zu tun hat, verletzbar ist, wie wir selbst.

Die große und aktuellste Arbeit, die Installation Verletzungen macht dies sichtbar. Auf dem Boden „liegt die Erde“, ausgebreitet, als Aschehaufen aufgeschüttet, grau, blass und schwarz. Ein Gemisch aus Sand, Holzkohle, Zweigen, kleinen Ästen, Wurzeln und Steinen. Darüber hängen in Höhe der Betrachter S/W Fotos, die Astgabeln zeigen, bandagiert sind wie dürre menschliche Arme, die lautlos klagen: Wozu Krieg, Wozu Zerstörung? Die Erde symbolhaft am Boden könnte auch eine Blutlache sein. Die Natur über ihr, ihr Opfer. Wäre da nicht das Feuer, dessen lebensspendende, prometheische Kraft uns hoffen lässt. Und richtig: entdecken wir nicht plötzlich im Staub der Asche frische, grüne Fotos, Baum und Moos, neues Leben, Keimendes?

Natur ist bei Christine Belling ein Grundprinzip. Ovids Metamorphosegedanke – alles ist in allem enthalten, alles wandelt sich- , enthält von hier aus seine tiefere Bedeutung.

Formal ist die Installation Verletzungen  durch eine frühere Arbeit von 1997 vorbereitet. In Kostbare Kindheit entdecken wir Ähnliches. Zwischen verkohltem Holz und Geäst spielen  Kinder, eingefasst in einen kleinen Rahmen, der sie hält und sich durch ein Fenster öffnen lässt. Das Lebendige ist als Keim gegenwärtig.

Dunkles Geäst und nordisches Licht kennzeichnet die malerische Serie Immer wieder dorthin. Es zieht sie, die Künstlerin, immer wieder hinaus. Natur ist Beobachtung, aber auch Besinnung und Wahrnehmung des eigenen Ichs. Natur erscheint hier als Landschaft, als Ausschnitt und ist doch mehr: Reflexionsfläche für Hintergründiges, Subjektives und Allgemeingültiges. Immer wieder kehren die dunklen Äste, die nach dem Himmel greifen oder nach dem Wasser tasten. Abstrakt verwehen sie im Bildfeld. Eine Baumwurzel trifft unseren Blick. Wie Nervenenden scheinen sie uns daran zu erinnern, dass auch wir mit der Erde verwurzelt sind, einen Ursprung haben, der im Wasser liegt und in der Tiefe zu suchen ist. Und plötzlich dann springt unser Blick in eine andere Richtung. Die kontemplative Natur, die uns so eindeutig schien, erscheint plötzlich ganz anders, wild und legendenhaft. Grinst uns da nicht plötzlich ein Stiergeweih an? Etwas, das vorher so klar und eindeutig für uns eine Baumwurzel war, hat plötzlich ein Gesicht bekommen. Es schient uns zu  beobachten, anzustarren, uns zu erstaunen und zu erschrecken wie ein Vers aus der antiken Mythologie. Das Geweih verwandelt sich noch einmal, wandelt uns, wird zum Auge, riesengroß und wach.

Christine Belling wird ihr Thema nicht wechseln. Natur ist ein Zustand, der uns an uns selbst erinnern soll. Natur ist nicht das Andere, das Fremde da draußen.

Natur ist eine Eigenschaft in ihrer Vollendung. Der Mensch aber ist ein Wesen, das mehrere, oftmals widersprüchliche  Eigenschaften für sich in Balance zu bringen hat. Denn anders als Natur, verfügt der Mensch nicht über Eigenschaften in ihrer Vollendung. Deshalb, und der Werktitel Zerrissenheiten zu den Frauenbildnissen deutet dies an, bleibt Leben definiert als Balanceakt und ist in keiner Weise schon bewältigt.

Es ist an der Zeit, heute kurz vor dem Jahr 2000, unsere Köpfe endlich frei zu machen für eine Wahrnehmungswelt, die unserer inneren Natur wirklich entspricht. Hartmut Böhme sagt dies mit seinen Worten als Wissenschaftler in einem der Zitate der Ausstellungsinstallation. Ich weiß, dass diese Botschaft von den Arbeiten von Christine Belling ausgeht.

Hartmut Böhme:

...Wer darf sich erinnern, stundenlang das Licht und sein unendliches Spiel in den winzigsten Mulden einer Landschaft oder in den Domkuppeln eines Buchenwaldes studiert zu haben?...

...Es ist zu vermuten, dass die historische Schwächung des Wahrnehmungsvermögens und des ästhetischen Urteils erheblich daran mitgewirkt haben, dass innerhalb der, naturgeschichtlich gesehen, lächerlich kurzen Spanne von 150 Jahren, das ungeheuer komplizierte Kunstwerk der Ökologie  unserer Erde bis an den Rand seiner Zerstörung gefährdet wurde...